17.1. 2012
Im “Hotel Aetes Palace” in Kutaissi, auf dem Weg nach Batumi und ans Schwarze Meer, wo ich mich für meinen sechzigsten Geburtstag im Radisson Blue eingebucht habe. Leider eine bisher sehr deprimierende kleine Autoreise. Regen, Kälte, das denkbar schlechteste Urlaubswetter. Ich kam schlecht raus, fuhr (schon fast auf der Autobahn) nochmal zurück, weil ich glaubte, etwas angelassen zu haben (was natürlich nicht der Fall war), verlor dadurch Zeit. In Gori lang im Stalin-Museum. Der fast filigran italianisierende Stil des Hochstalinismus, der den utopischen Traum ineins mit dem Terror bewahrte und in der Chruschtschow-Ära durch den brutalistischen Bunkerstil abgelöst werden wird.
Gestern morgen: verdammt, ich will das Leben jetzt offensiv genießen, statt mich über N.s mögliche Verlassenheit und meine Verantwortung dafür zu grämen oder darüber, ob sie mich heiraten will und jetzt schon einsperrt. In mir regt sich der lebensgeschichtliche Schwung, der mich um meinen Geburtstag herum immer erfasst.
Skype mit N. Sie sagt: ich stelle überhaupt keine Ansprüche an Dich. Ein Geburtstagsgeschenk!
Ein anderes: Hintermeiers Würdigung zum sechzigsten Geburtstag in der FAZ.
Ich fotografiere exzessiv die architektonisch sensationellen, dabei romantisch verfallenden sowjetischen Bushaltestellen; und verlassene Heldengedenkplätze vor verlassen in der Landschaft herumstehenden Fabriken.
20.1.2012
Mein sechzigster Geburtstag. Morgengrauen. Im 14. Stock des Hotels. Eingeschneit. Seit gestern toben in Batumi die ersten Schneestürme dieser Dimension seit Menschengedenken. Über dem Meer fällt und verweht Schnee als Fahne und vom Himmel stürzende Masse. Leicht erkältet. Gestern fuhr ich von Kutaissi über die Akropolis von Vani, einem hellenistischen Königssitz, und Petra, einer römischen Festung am Meer. Die Rivieralandschaft auf dem Weg nach Süden Richtung Batumi im Schnee, unglaublich. Überm Meer zieht sich schwarz das Gewölk zusammen, aus dem die Lawinen stürzen werden. Ein atemberaubender Anblick. Kälte. Man quartiert mich in dem weitgehend menschenleeren Hotel in eine Suite ein, zu demselben Preis und aus reiner Freundlichkeit. Schönes Frühstück, ein kurzer Gang in die tief verschneiten Straßen. Dann kaufe ich eine Badehose und verbringe den Tag im Wellness-Spa, schwimme im Pool des zwanzigsten Stocks und betrachte in den Ruhepausen zwischen Saunagängen den von Flocken wirbelnden Himmel über der See. Die Erkältung schwindet.
Skypen mit N. Ihr Kinderlachen. Sie ist ein absolutes Kind, kindlich raffiniert, wenn sie etwas will, aber auch so unschuldig wie ein Kind. Dass sie in China etwas Böses täte, ist ein unbegründeter Verdacht (ich hegte ihn in den letzten Wochen gelegentlich). Sie wird dort offenbar einfach als eine Art Partydekoration ausgebeutet. Vielleicht kann ich sie veranlassen, sich jetzt endlich einen anständigen Job zu suchen.
Ansonsten: halt dich grade, lächle, iss gut, geh zur Vorsorgeuntersuchung, kauf dir gute Klamotten, mach den Job so gut du kannst. Heirate nicht. Und das Wichtigste: schreib weiter. Der Rest ist dann einfach Schicksal. Geh öfter in solche Wellness-Oasen wie hier. Look after yourself.
Ganz wichtig: kein Perfektionismus. Gelassenheit. Fehler machen und Fehler gemacht haben. Steh dazu. Peccata fortiter (Rückkehr zu den guten Seiten des Luthertums; die ich auch erlebt habe. Mehr beten! Es hilft…). William James: “The will to believe”. Säkularisierter Protestantismus. Das Abenteuer, an die Welt zu glauben, das die Welt verändert. Das Dachbodenlaboratorium meines Traums während der ersten Psychoanalyse.
Das Hotel ließ es mit seinen Segnungen nicht genug damit sein, mir eine Suite zu genehmigt zu haben, sondern schickte mir zum Geburtstag sogar noch einen Korb mit einer Flasche Sekt und Obst aufs Zimmer, die ich am späten Nachmittag nach meiner Rückkehr aus dem Spa vorfand. Dunkles und schönes Abendessen im fast ganz menschenleeren Restaurant. Die Lichter der Stadt in der Tiefe.
21.1.2012
Ein atemberaubender Blick am sonnig-klaren Morgen meiner Abreise übers Meer auf die schneeweiße Bergkette des Kaukasus in der Ferne und die niedrigeren Vorberge, wie mit Puderzucker weiß überstäubt. Ein Anblick, den man ein Leben lang nicht vergessen kann. Das verlassene Riesenrad im Vordergrund. Ich zeichne einen in sich spiralig gedrehten Restaurant-Turm, der in einiger Entfernung am Strand steht und an dessen Fassade die georgischen Schriftzeichen nachts leuchteten, ein seltsam technomodernistisches Gebäude: eine Traumskizze von Michail Saakaschwili, gebaut 2011, wie nach einer Idee von Federico Fellini aus dem Jahr 1963. Ein neben den Strandhochhäusern winzig wirkender Leuchtturm aus dem neunzehnten Jahrhundert. Die Riviera rechts, weiße Villen und dunkle Zypressen an den zum Meer steil abstürzenden Berghängen. Davor die still daliegende, silbrig und dunkelgrün glänzende See. Am tiefblauen Himmel, wie ein Komet, der Kondensstreifen eines Düsenjets. Im Mittelgrund liegen weiße Kreuzfahrtdampfer und rostfarbenen Frachtschiffe in einiger Entfernung vom Strand.