Besuch in Hołdunów und Oświęcim. Zum ersten Mal im "Unsichtbaren Land"

Besuch in Hołdunów und Oświęcim. Zum ersten Mal im "Unsichtbaren Land"

10.4.2000
Am Samstag fahre ich mit einem sehr kompliziert und bürokratiereich in einem Hotel an der Weichsel abzuholenden und umständlich bar zu bezahlenden Leihwagen nach Anhalt/Hołdunów. Ich finde das Pfarrhaus meines Großvaters – und Geburtshaus Friedrich Schleiermachers – nach längerem Umherirren schließlich an der langen Durchgangsstraße (die zur Zeit der Geburt Schleichermachers 1768 – und noch bei der Geburt meines Vaters in eben diesem Haus 1922! – die einzige war). Die Gegend macht einen einerseits ländlichen, andererseits zerstörten Eindruck, zerstört durch unorganisch in die noch halb mittelalterliche Landschaft hineingeknallte Modernisierungsprojekte: schlecht gebaute Wohnblocks, Fabriken, “Kulturhäuser” mit Kinos auf dem Grundriss des alten Straßendorfs. Über allem liegt der Staub und Ruß der Öfen und Fabriken und gibt der Gegend ein hellgraues Aussehen, das sich mit dem “altösterreichischen” Goldgelb der schmutzig gewordenen historischen Fassaden verbindet, das matt aufleuchtet, wenn die Sonne rauskommt. Verlassene Fördertürme stehen entfernt in den spärlichen, aus stangenartig dünnen Gehölzen bestehenden Wäldern, mit Birken durchsetzt, an denen sich Knospen und erste Blätter zeigen. Ich fahre erst vorbei, weil ich nicht verstehe, dass ich schon im Ort bin und komme an einem Hügel mit einer Barockkapelle heraus (Imielin), der auch in den Erinnerungen meines Großvaters beschrieben wird, kehre um und taste mich anhand der Namen der zahlreichen Bushaltestellen zurück nach Hołdunów. Zufällig gehe ich dann, zu Fuß, in eine kleine Bergarbeitersiedlung um eine offenbar noch funktionierende Grube hinein; dort gärtnern und fegen Menschen um ein gut renoviertes Haus, wo sich das Emblem einer “Schlesischen Freundschaftsgruppe” (auf Deutsch) auftut, ein verbundenes Händepaar auf schwarzrotgoldenem Hintergrund. Ich gehe hinein und frage mich zum Chef durch. Er ist ein grauhaariger, alkoholisch dicker und auch sonst unbestimmt beschädigt wirkender Mann mit fahler Gesichtshaut und roten Händen, die kalt aussehen, es aber nicht sind. Er raucht Mentholzigaretten und erläutert mir Wesen und Aktivitäten seiner Gruppe. Eine mit Putzen beschäftigte Frau sagt, sie sei “Jahrgang 1934”, aber Pastor Wackwitz, ja, von dem habe sie gehört. Wie jeder hier. Als ich mich als sein Enkel zu erkennen gebe, gehöre ich gleich irgendwie dazu. Der caretaker des Kirchenneubaus aus den sechziger Jahren (der preussisch-neugotische Bau, in dem Andreas Wackwitz amtierte, ist aufgrund des durch Stollen unsicher gewordenen Baugrunds abgerissen worden). Er fährt mit mir zum Pfarrhaus zurück. Es ist das größte Gebäude an der Straße: das heute mit Eternitplatten verblendete barocke Fachwerkhaus mit Walmdach wirkt kahl und nüchtern. Es beherbergt ein Altersheim, Büros der Stadtverwaltung und die öffentliche Bibliothek. Die Straße davor, die ich von alten Familienfotografien kenne (Gutscho und Elusch mit Schlitten im Tiefschnee) ist vielbefahren. Der Garten dahinter (der in Opis Memoiren und den Erinnerungen meines Vaters eine mythische Rolle spielt) als Bauerwartungsland vermessen und durch Holzpfähle in Parzellen aufgeteilt. Die neue Kirche ist groß, weiß und monströs modernistisch, zwischen ihr und dem Pfarrhaus erstreckt sich ein verwahrlostes Parkarreal mit Schaukeln. Alte Bäume, die wohl damals schon standen. Ich fotografiere den ursprünglichen, neugotischen Altar, der heute neben der Sakristei steht. Daneben hängt das barocke Bild des preussischen Husaren, der die deutschprotestantische Gemeinde 1770 aus dem katholischen Polen auf preussisches Gebiet geführt hat, eine sezessio plebis während der Sturm- und Drang-Bauernunzufriedenheiten des späten achtzehnten Jahrhunderts, einem religiös und durch preussisch-polnische Konflikte überformtem Klassenkampf. Der Ort entstand da, wo die vor der polnischen Grundherrschaft fliehenden Siedler “anhielten”. Verzweiflung und Aufbruch. Schleiermachers Vater kam aus Breslau hierher und wurde eine Mischung aus Bürgermeister und Gemeindeoberhaupt, eine historische Rolle, in die mein Großvater in den dreißiger Jahren gleichsam eintrat und sie nachspielte. Der alte, nämlich deutsche, Teil des Friedhofs, von dem der (durch meinen Großvater aufgezeichneten) Sage zufolge eine weiße Frau in die Häuser der Sterbenden ging, ist vernachlässigt. Alte Grabsteine, ein gusseisernes Kreuz, keine Bäume. Das Grab des alten Schleyermacher (wie sich Friedrichs Vater noch schrieb) liegt weit oben am Hang, in einem sonst ganz leeren Bereich. Der Sockel ist noch original, ein zerschlagenes Kreuz wurde von jenem “Freundschaftskreis” ungeschickt durch Formbeton ergänzt.

Der Gemeindehausmeister, der mich umherführt, ist ein fester, kompakter, johnbergerhafter Mann, spricht ein merkwürdig verwischtes Deutsch, in dem – vielleicht dem Polnischen folgend – die wichtigen Substantive vorangestellt werden: “No, Hochzeit wird sein do driben.” Ihm ist offenbar sehr langweilig, mein Besuch eine willkommene Abwechslung. Seine Frau, die mir Kaffee und Kuchen kredenzt: er sei ein “Wanderer”; sie sitze am liebsten zuhause, aber er müsse raus. Ich fühle mich wohl bei den beiden in ihrer geräumigen Dienstwohnung, weil es nicht um Kunst, Kultur und intellektuelle Spielchen geht und weil ich fühle, dass sich hier mein neues Buch anbahnt. Deutsch zu sprechen, erzählen sie, war nach 1945 auch in den eigenen vier Wänden verboten, die Frau hatte es fast ganz verlernt. Mein Cicerone und ich fahren dann nach Pleß/Pszczyna. Er erzählt im Auto, er sei als Zehnjähriger mit seinen Kumpels auf die Anhöhe bei Imielin gestiegen, um den schwarzen Rauch über Auschwitz zu sehen. Wenn der Wind herüberwehte, habe es im ganzen Dorf nach verbrannten Haaren gestunken. Ich frage “Was haben Sie gedacht?” und er sagt “No, dass da wern Menschen verbrannt.” Er habe es immer gewusst, und sonst auch alle. Ein Onkel sei Eisenbahner gewesen und außerdem bei der SS und habe alle Transporte abgefertigt. Er war nach 45 in Deutschland und habe sich erst 20 Jahre später wieder hergetraut. Am Bahnhof Oświęcim seien die Viehwaggons mit den Menschen umgekoppelt worden zu der Stichbahn ins Vernichtungslager. Als Kinder hätten er und seine Geschwister dort auch umsteigen müssen, weil sie in den Sommerferien den Vater besuchten, der in Krakau als Mechaniker am Flughafen arbeitete und man habe sich da nicht von Bahnhof entfernen dürfen, da sei gleich die SS gekommen und habe einen zurückgeschickt. Jeder habe gewusst, was los war. Später sei er wie der Vater auch Mechaniker (“Klempner”) geworden und habe auf verschiedenen Baustellen gearbeitet. Aber seine Frau wollte ihn daheim haben und deshalb sei er später zur Arbeit ins Bergwerk gegangen. Es sei dort eine schöne Arbeit gewesen, aber er sei mehr zuhaus gewesen als an der Arbeitsstelle, weil er soviel Aufträge schwarz angenommen habe. “Der Steiger schrieb mir Schichten auf”. Einmal sei es aufgefallen, da sei er pro forma wieder ein paar Mal in der Grube erschienen. Ob das alles so stimmt? Er ist jedenfalls stolz auf seine Schlauheit und seine illegale Geschäftstüchtigkeit.

In Pleß ein schöner Park und ein eichendorffhaftes Parkensemble. Betrunkene junge Männer und verwahrlost aussehende Frauen zelebrieren einen Streit auf dem Hauptmarkt, ungewaschene Kinder heulen. Hoffnungslosigkeit und Armut brüten auf dem weiten, leeren Platz. Nach Oświęcim. Das Kasernengelände mit den Backsteinbauten des ursprünglichen Lagers. Frühlingssonnenschein. Das Portal mit dem gusseisernen Torbogen: “Arbeit macht frei”. Im Museum die bekannten Berge von abgeschnittenem Haar. Unzählige Einlieferungsfotos, jeweils dreimal: von vorn, im Profil, von halblinks mit Mütze. Die Köpfe sind frisch kahlgeschoren, zum Teil mit blutenden Wunden vom Abrasieren. Die jungen, zum Teil sehr schönen, angstvollen oder trotzigen Gesichter. Dann Schuhberge, Brillenberge, Prothesenberge, Topfberge, Kinderbekleidungsberge. Nähe des dokumentarischen Ensembles zu Archiv-Verfahren zeitgenössischer Kunst: Wolfgang Laib, Christian Boltanski. Mein Begleiter langweilt sich in der Baracke mit den Dokumenten, die ich studiere, Interieurs mit den rekonstruierten Lebensverhältnissen der Gefangenen interessieren ihn mehr. Er kommentiert sie, verlegen lachend. “No, da wolln wir mal sehen, wie sie haben gewohnt”, sagt er vor dem Eingang in eines der Häuser. Vorgedruckte Laufzettel für Strafen, ein Häftling wird für das “unerlaubte Verrichten der Großnotdurft” mit Stockschlägen misshandelt. Die Gaskammern. Als wir gehen, sagt er “No, da is wieder ein Tach vorbaj.” Langeweile ist sein Hauptlebensproblem. Im eigentlichen Vernichtungslager dann das industriell nichtende Nichts des Todes, die entsetzlich winddurchlässigen Baracken wie Ställe, die neusachliche Ästhetik des Torgebäudes, die art-déco-haft spitzgiebeligen Türen, das Tor, durch das die Züge hindurch in die Todeszone fuhren. Das Endlose des Geländes, das Riesige der Anlage, die Selektionsrampe. Mein Gott, mein Gott, warum hast du uns verlassen.

Abends muss ich dienstlich in ein Brahms-Konzert. Früh ins Bett, morgens vor dem Büro diese Aufzeichnungen. Ich sorge mich wegen einem kleinen Riss, den die herabstürzende Decke in meinem Lesesessel hinterlassen hat. Ich habe offenbar ein dringendes Bedürfnis nach narzisstisch ungestörter Ganzheit der wenigen Gegenstände, an denen meine Integrität inmitten all der Fremdheit befestigt ist. Lang geschrieben. Ich rauche. Die Depression über die gestrigen Eindrücke und angesichts meiner Fremdheit und Einsamkeit, larviert als Unversehrtheitssorge, wird sehr quälend. Meine Einsamkeit ist der Preis meiner Unversehrtheit. Heute abend K. Mir graut es vor diesem Besuch.