28.6. 2015
Wieder daheim. N. nimmt mich begeistert in Empfang. Wir gehen, nach einem Abstecher in das vernachlässigt und im Prozess innerer Auflösung befindlich wirkende “Tartine” zu Freunden von ihr, die ihre Kunstsammlung verkaufen. Wundervolle Gemälde von Robert Sturua Senior und der kunstgeschichtlich ernsthaft bedeutenden Ketewan Maghalaschwili, für die sie 1000 Dollar haben wollen, vermutlich viel zu wenig, aber trotz des obligaten Schuldgefühls kaufe ich ihnen vier Stück ab, worüber sie sehr glücklich sind. Der Sohn der abgebildeten Schönheit aus der “roten Intelligenzija” (Maghvala, die N. als Kind noch kannte), ein gut und intelligent aussehender, aber etwas aufgeschwemmter Mann dramatisch-kaukasischen Typs, thront auf dem Sofa, betreut von seiner swanischen Frau, die auch einmal sehr schön gewesen sein soll, wie N. schwärmt. Ein schwarzgekleideter Mann meines Alters mit Heiner-Müller-Brille und ein schwärzlich spilleriger halten sich im Hintergrund. Eine dunkle, schöne Wohnung aus den fünfziger Jahren, der Balkon geht zur Barnova hinaus, schräg gegenüber vom “Entrée” an der Ecke. Eine dunkle Schrankwand, ein Schreibtisch, ein Sofa, zwei Sessel, Zeichnungen aus den 20er und 50er Jahren, einen Gudaschwili soll der Hausherr neulich für 200 Dollar praktisch weggeschenkt haben. Eine Zeitkapsel aus der Sowjetzeit, die sich auflöst und zerlegt (die beiden wollen nach Baku übersiedeln und brauchen dafür Geld). N. und der Müller-lookalike singen und tanzen, wir trinken Wodka. Vor dem Fenster die warme Nacht. Wunderschön. Aber es ist tief der Wurm drin und vor den Fenstern drohen bereits die Neubauten. Ich bin einer der letzten Westler, die diese Welt gesehen haben, hier oder in der Familienwohnung der Katscharawas.

29.6.2015
Heute also der Bilderkauf. Die sowjetische Aristokratie, verloren in der neuen Zeit: “Former People” (lud mir das Buch von Douglas Smith über die Zerstörung der russischen Aristokratie 1917ff gleich runter und begann im Morgengrauen, darin zu lesen). Und ging ins Internet: die Familie Sturua (ihr derzeit prominentester Vertreter, der Theaterregisseur Robert, wurde neulich von Kulturminister Rurua gefeuert, weil er behauptete, Saakashvili sei Armenier) erlangte ihre Prominenz durch Giorgi Fjodorovich, Bolschewik der ersten Stunde, aktiv vor allem in Baku. Er überlebte die stalinistischen Säuberungen als Gewerkschaftsfunktionär und verzehrte unter Chruschtschow ein Gnadenbrot als Chef des georgischen Leninmuseums. Der Giorgi, mit dem ich zu tun habe, war zu seiner großen Zeit ein Parteifunktionärsprinz und beau, ich kaufe ein Jugendbild seines Onkels (des Malers Robert Sturua) von ihm: ein träumerisches, weiches Jünglingsbild in Öl und Pastellfarben mit einem Kakabadze-Zitat in einer angedeuteten Landschaft rechts unten. Gestern war er in der Badehose, heute tritt er im Anzug auf: immer noch eine distinguierte Erscheinung. Er zeigt mir Fotos seines Onkels mit Maxim Gorki, erzählt von Begegnungen mit Paul McCartney, Sophia Loren und Gina Lollobrigida. Seine Mutter war Maghala, jene berühmte Schönheit, von der ich jetzt drei Bilder habe. Ein Pastell-Jugendbild ihres Schwiegervaters Robert und zwei Ölgemälde von ihr, ein ganz besonder wunderbares, auf dem sie Mitte Dreißig sein muss und eines zehn oder fünfzehn Jahre später, beide von Ketewan Maghalaschwili, die in den zwanziger Jahren in Paris Picasso kennengelernt hat und der Dmitri Schewardnadze, der Gründer des Nationalmuseums, seine Uhr schenkte, bevor er auf Nimmerwiedersehen im Gulag verschwand. Maghala starb neulich, der Sohn behauptet, für die Exequien seiner Mutter 20 000 Dollar ausgegeben zu haben. Das Exoskelett dieser Aristokratie ist zerbrochen, geblieben sind der Alkohol und die Ratlosigkeit. Die Ehefrau versucht, den Laden zusammenzuhalten, sie verhandelt den Kauf, besorgt die Ausfuhrgenehmigungen, schenkt mir noch einen Wandteller aus der Sammlung. Er will in Baku (wo jene Aristokratie ja noch an der Macht ist; in Georgien ist sie in den Bankrott geraten, den ich in dieser Wohnung auf der Barnova besichtige) ein georgisch-aserbeidschanisches Kulturzentrum aufzumachen. N.s Familie gehört am Rand zu dieser Lumpenaristokratie, was mir hilft, den Stalinkult ihrer Mutter besser zu verstehen. Als Käufer dieser Bilder bin ich ein Revolutionsgewinnler. Aber ich will nicht, dass diese wunderbaren Gemälde auf irgendeinem Flohmarkt verkommen. Bei mir werden sie Respekt erfahren.

Die Sowjetunion unter Breshnew war eine Umverteilungsdiktatur, in der Georgien die Riviera- und Vernügungsplanstelle (die Clowns- und Supra-Position) innehatte. Georgien war das Griechenland des sowjetischen Roms, die Georgier die sowjetischen Graeculi. Heute sind sie in die Dritte Welt abgestürzt, aus der sie Saakaschwili kicking and screaming herausholen wollte.

Die Löhne in Griechenland sind in den letzten Jahrzehnten um 40% schneller gestiegen als die Produktivität, wie man liest. In den letzten Jahren der Sowjetunion muss hier etwas Analoges stattgefunden haben.

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Bilderkauf auf der Barnova. Soviet “Former People”. Georgische Graeculi.

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