22.9.2013
Vor sonntäglich-sintflutartigen Regenfällen bin ich ins “Prospero’s Books” geflüchtet, wo sich eine russische Reisegruppe lautstark aufspielt. Die renommistisch (imperial?) raumgreifende Körpersprache und Lautstärke der russischen und der amerikanischen Touristen sind peinlicherweise kaum voneinander zu unterscheiden. Gestern eine “magical mystery tour” mit N. zu den megalithischen Steinkreisen von Tejisi. Im Autostereo hören wir “No Security” von den Stones in voller Lautstärke, N. sehr begeistert von “Memory Motel”, besonders den Gesangspassagen Keith Richards, was alles sie dreimal hören will. Wir kommen auf eine weltraumlandschafts-(“Raumpatrouille”-) haft düstere und leere Hochebene. Seen in Senken, Wind, große Herden von Schafen und Rindern in der Entfernung. Kurz vor dem Ortseingang geraten wir in einen sehr dramatischen Hagelschauer, der fast das Schiebedach zu durchschlagen droht und bei der Einfahrt in das etwas tiefer gelegene Dorf kommt der Wagen für lange Sekunden in ein unkontrolliertes Rutschen auf der verschlammten Erdpiste, was alles mich ernsthaft besorgt, N. jedoch über alle Maßen begeistert. Ihr wunderbarer Sinn für Sensationen, welcher Natur sie immer sein mögen. Das nur von Azeris bewohnte Dorf ist arm in einer an das achtzehnte Jahrhundert erinnernden Weise. Man kann sich nur auf Russisch verständigen, Georgisch kann niemand. Am Ortseingang steht eine Bretterbude, über deren Wellblechdach eine fetzenkleine und -abgerissene grüne Fahne flattert: die Moschee. Frauen stehen barfuß im flachen Flussbett und waschen etwas, das wie Bettwäsche aussieht. Aus dem Wolkenbruch hat sich ein Regenbogen entwickelt. Struppige, verschlammte Hunde bellen, Kinder mit schmutzigen Gesichtern bestaunen unseren Mercedes. Inmitten der bedrückend verwahrlosten Häuseransammlung steht auf einer kleinen Terrasse über dem Bach oder Fluss eine winzige Dorfkirche, die in einen fragmentierten Steinkreis hineingebaut ist und nur aus dessen Findlingsmaterial zu bestehen scheint. Auf der Ebene hinter dem Dorf, wohin wir durch einen unheimlichen, offenbar gegen das Abrutschen des Hangs in neuerer Zeit angelegten Hain aus Nadelbäumen hinaufsteigen: ein zweiter, sehr großer Kreis aus kleineren Findlingen. Ein weiter Blick auf die sanft gewellte, ganz leere Hochebene. Und in einiger Entfernung eine größere, mit Megalithen umgebene Kapelle, deren Apsis oder Rückwand, dem niedrigen Eingang gegenüber – und sozusagen auf der traditionell für den Altar reservierten Position – ein übermannshoher schmaler Menhir bildet, in den man ein Kreuz hineingeschlagen hat. Beim Hinausgehen durch ein aus Megalithen bestehendes Tor bemerke ich den Vorderteil eines Schweinekadavers, der auf der Umfassungsmauer abgelegt wurde – vielleicht als eine nicht verstehbare (denn weder der Islam noch das Christentum kennen so etwas) Opfergabe für Götter oder Dämonen, die wir nicht kennen. Hier ist offenbar spontan ein lokaler Synkretismus entstanden, totally amazing. Zurück in Tbilissi eine scharf-aromatische Hühnersuppe in dem kiosk-artig winzigen thailändischen Restaurant, das am Eingang in die Mzchetis Kucha neulich aufgemacht hat (N.: “Taifun-food”), ein Bier, zwischen uns das Gemeinschaftsgefühl, das durch die überstandene Abenteuerfahrt entstanden ist. Daheim noch Wein und (wieder mal) “Funny Face” mit Hepburn und Astaire