Meine philosophischen Küchengespräche mit Giwi Margwelaschwili.
All I had to do after that was just to lean back, relax, and sharpen a few pencils.
Wallace Shawn, “My dinner with André”
1. Bühnenanweisung.
Auf dem Abaschidze-Boulevard, einer belebten, zu jeder Tages- und Jahreszeit unterm Geäst großer Platanen in romantisches Dunkel getauchten Durchgangsstraße des Tifliser Stadtteils Wake, lag ein sehr glaubwürdig pariserisch ausgestattetes Bistro, das “Tartine”, in dem sich in jenen Jahren ein Großteil meines Privatlebens abspielte – Lektüre, Notizenmachen, Geschäftstermine, Gespräche mit der klugen Managerin des Etablissements, Begegnungen mit Freunden oder auch nur einsames Nachsinnen über einem georgischen Bier. Aber auch sehr gut essen konnte man dort. Nachdem man ja in Georgien fast überall exzellent kochte, hatte der französische Besitzer, ehemaliger Angestellter des “Balthazar” auf der Spring Street in New York, zwei älteren georgischen Damen, Meisterinnen ihres Fachs, die nur selten sich im Gastraum zeigten, gründliche Kennntnisse der französischen Alltagsküche nahegebracht und die Charcuterien, das Steak frites, der Salade Bassecour, die Quiches und Escargots dort waren von einer Einfachheit, Raffiniertheit und Frische, die ich in meiner Berliner Gegenwart oft schon schmerzlich vermisst habe. Ein paar Häuser neben “Tartine” befand sich die Einfahrt in einen der großen Hinterhöfe, die während der sowjetischen Jahrzehnte eine Institution gewesen waren. Noch heute war das psychogeographische Mikroklima des sowjetischen “Mini-Rayons” unter den Bäumen, zwischen den Mülltonnen, Parkplätzen und Sandkästen spürbar. Am Grund dieses unter dichtem Baumschatten wie ein riesenhaftes Terrarium wirkenden Innenhofs wohnte zu meiner Zeit in einer winzigen ebenerdigen Zweizimmerwohnung der deutschgeorgische Schriftsteller und Philosoph Giwi Margwelaschwili, den ich – manchmal in dienstlicher Mission, meistens aber aus persönlicher Sympathie und Neugier – ein paarmal im Jahr dort zu besuchen pflegte. Margwelaschwili war, als ich ihn in diesen beiden mit Büchern und Manuskripten dicht angefüllten Räumen zum ersten Mal besuchte, 84 Jahre alt – und man sah es ihm an. Der früher für seine südländischen good looks berühmte Mann ging mühsam und weit vornübergekrümmt, verließ das Haus nur noch im äußersten Notfall und kultivierte, umweht von schütter gewordenem schulterlangem Haar eine zum Teil dämonische, zum Teil verschmitzt zwergerl- oder koboldhafte Außenwirkung. Während uns seine Haushälterin in der kleinen Küche mit georgischen Speisen bewirtete, empfand ich meine Besuche bei ihm, die zugleich zeremoniellen Audienzen und philosophischen Disputationen glichen, je öfter sie sich wiederholten, als Durchblicke oder Durchstiege in die Berliner Zwanzigerjahre. Die wurden schon von Margwelaschwilis Sprechweise aus der Vergangenheit heraufbeschworen. Es war jenes halb schnodderige, halb gravitätische Idiom, dessen Klang ich aus den Gesprächen mit dem Religionsphilosophen Ulrich Simon zu Beginn meiner Achtzigerjahre im “King’s College” noch im Ohr hatte. Margwelaschwili war wie mein damaliger Londoner Mentor in Tuchfühlung mit dem Kurfürstendamm jung gewesen, als halboppositioneller Wilmersdorfer Anhänger der Swingjugend in den Vierzigerjahren, als Bewunderer der Berliner Bar- und Tanzklubszene, die noch bis weit in die Nazizeit hinein weiterexistiert hatte und als Sohn des alleinerziehenden georgischen Geschichtsprofessors und antibolschewistischen Exilpolitikers Tite von Margwelaschwili. 1946 wurden Vater und Sohn vom NKWD in den sowjetischen Sektor gelockt und verhaftet. Tite wurde, was die Familie erst nach 1989 erfuhr, noch im selben Jahr erschossen, der Sohn kam ins sowjetische Speziallager Sachsenhausen und später in die Obhut von Verwandten in Tbilissi, in einem Land, das er noch nie gesehen hatte und von dessen Sprachen, Georgisch und Russisch, er kein Wort verstand. Man kann sagen, dass Giwi Margwelaschwili, obwohl ihm bald eine komfortable Sinekure an der Georgischen Akademie der Wissenschaften zufiel, sein Leben lang aus dem Exil nicht mehr herausfand. Seine Heimat wurden einerseits die Philosophen seiner deutschen Jugendzeit, vor allem die Edmund Husserl und Martin Heidegger, die ihm erst im sowjetischen Tbilissi zugänglich wurden – ein weiteres Beispiel für die relative Liberalität des sowjetgeorgischen Bildungslebens. Und andererseits umspann er sich in seiner Vereinsamung mit einem sehr merkwürdigen und idiosynkratischen literarischen Lebenswerk, das etwas Närrisches mehr als streifte und für mich, wie ich zugeben muss, leider ungenießbar geblieben ist. Seine Romane und Erzählungen basieren auf der in den Romanen Goethes und Novalis’ zum ersten Mal aufgetauchten Idee, dass das Leben der Menschen als Verwirklichung oder leibhaftige Ausgestaltung von Büchern verstanden werden kann. Margwelaschwili projizierte diesen poetologischen Einfall aus der Frühromantik auf die philosophische Unterscheidung zwischen “Sein” und “Seiendem”, die Martin Heidegger in seinem Hauptwerk “Sein und Zeit” getroffen hatte. Margwelaschwili zufolge war der Verständnishorizont, der allem Realexistierenden Sinn gibt (Heideggers “Sein”) als die Welt der Bücher gegeben. Das “Seiende“derweil, also wir Menschen und unser Leben, vollzog sich einerseits nirgendwo anders als in den von Literatur vorgezeichneten Horizonten, andererseits aber führten in seinen Romanen auch die “Buchpersonen”, wenn sie gerade nicht gelesen wurden, in ihren zugeklappten Büchern ein “unthematisches” Eigenleben und es ergaben sich gelegentlich sogar Begegnungen zwischen Buch- und Realpersonen, die dem Autor zufolge ja auf den zweiten Blick sowieso ein- und dasselbe waren.
2. Das Gespräch vom 31.8.2013
Wir trinken eine wunderbare Flasche halbsüßen, schweren Ojaleshi-Weins, dazu gibt es Brot, Käse und kaltes gegrilltes Huhn. Ich befrage ihn über die Swingjugend in Berlin während der Nazizeit: “Um mich war eine ernste Situation”, er betont das Wort “ernst” immer wieder: Militär, Arbeitsdienst, Uniformen, Märsche, Geländespiele. Swing sei für ihn dann der lang gesuchte Anti-Ernst gewesen, ein Ausdruck von “Spaß am Leben”. Es hätten sich in dem und gegen all den Ernst damals Kreise von Gymnasiasten gefunden, die westlich, antimilitärisch und ästhetizistisch gesinnt gewesen seien und sich auf der Straße daran erkannt hätten, dass sie im Gehen Tanzschritte geübt hätten. Und an bestimmten modischen Distinktionsmerkmalen: an gelben Kamelhaarmänteln, Schuhen mit Gummisohlen, an langen Haaren, langen Jacketts, an kleinen Krawattenknoten (“Der Knoten musste klein sein”). Man ging in bestimmte Tanzlokale, die “Queen-Bar”, die “Femina”, den “Kakadu”, diese Lokale waren bis 1942 noch offen und dort gingen auch Nazifunktionäre und Wehrmachtsoffiziere hin. Der italienische Swingmusiker Tullio Mobiglia sei der Star des “Tingeltangel um die Gedächtniskirche” gewesen. “Die Nazis merkten erst spät, dass die Vergnügungssucht ein westlicher Lebensimpuls ist. Das Laster ist ein Politikum.” Er intoniert das Wort “Laster” mit einer unnachahmlichen, zugleich abgründigen wie sybaritischen Färbung. Er war auf dem Bismarck-Gymnasium in Wilmersdorf, bis er vor dem Luftkrieg nach Jarocin im “Warthegau” evakuiert wurde. Westliches Radio aber habe er auch dort noch – extrem verbotenerweise – gehört. Noe Zhordania habe 1941 aus dem Pariser Exil heraus im Radio den Nazis den Krieg erklärt, was ihn gefreut habe. Diese Zeit habe er im vierten Band seines “Kapitän Wakusch” beschrieben. Kritiker hätten sich darüber mokiert, dass er diese tragische Periode so lustig beschrieben habe, aber genau darauf sei es ihm angekommen. “Das Vernügen ist eingespannt in den Widerstand, das Laster ist widerständig, die Machthaber sind prüde. Die Musik steht für die Freiheit. Mach was du willst, aber mach es so, dass du die anderen nicht beschädigst. Ich bin auf meine Weise lustig und du kannst mich mal. Der große Hammer war die Musik, der Rhythmus. Der beat ist der Westen.” Und er haut mit seinen arthritisverkrümmten Uraltmännerhänden auf die Tischplatte. “Es klopft den Teufel raus und ruft auf zum Mitmachen. Herrlich, nicht?” Diese Funktion hätte der Jazz auch in der Sowjetunion gehabt, dort habe der deutschstämmige Swingmusiker Eddie Rosner ganz dieselbe Musik wie Duke Ellington gemacht, vor allem in Baku habe es eine autochthone sowjetische Jazz-Szene gegeben. Stalin ließ Rosner während einer seiner Sommerfrischen in Abchasien ins Theater von Sochumi zitieren, wo seine Band vor ihm als einzigen Zuhörer auftreten musste. Er mochte die Musik nicht und Rosner kam dann später ins Lager, wo er weiter Musik machte und nach Stalins Tod und seiner Entlassung wieder nach Berlin ging.
3. Das Gespräch vom 30.11. 2013
Kurze Begegnung mit Margwelaschwili, der lang braucht, um im (unsichtbaren) Schlafzimmer der von Back- oder vielleicht eher Bratgeruch erfüllten Wohnung aufzustehen und ins etwas größere Zimmer zu schlurfen (seine nette Haushälterin hatte mir aufgemacht), sich aber sichtlich freut über den Besuch und mich “Lieber” und “lieber Stephan” (kombiniert natürlich mit “Sie”) nennt – sprachliche Umgangsformen aus den 20er Jahren, in patiniertem Berliner Tonfall. Er habe nicht allzuviel Zeit, müsse noch zum Arzt. “Es wird immer problematischer” (über seine Gesundheit). “Ich betreibe ja die Ontologie des Buches, der Mensch ist eine Buchperson. Wir leben nach Themen, die wir in unserem Leben verfolgen. Wenn das Leben ins Nichts führt, ist das sehr bedauerlich. Aber das Thema (aus den Büchern) ist zuerst da, ontologisch. Die Logik kommt erst später. Diesen Zusammenhang verfolge ich literarisch und auch philosophisch.
Mea res agitur: ich hatte mir zuvor im “Tartine” viele depressive Gedanken (aus einem durch N. stimulierten, unbestimmt ödipalen Gedankenkreis) gemacht und auch – ansatzweise und in diskreter Verhüllung – mit Sopo thematisiert (bei einer sehr tröstlichen Omelette mit Salat). Jetzt fühle ich mich von diesen paar Sätzen extrem betroffen: erst kommen die Themen, danach erst alle Logik. Der Vorrang des Ontischen vor dem Logischen. Und die Themen kommen aus Büchern. Oder, ist das nicht falsch? Kommen die Lebensthemen nicht aus psychologischen kindlichen Prägungen, Traumata, Wünschen? NEIN! (wird mir klar): wir würden diese kindlichen Prägungen gar nicht verstehen oder überhaupt haben können, wenn sie nicht durch Bücher formiert und formuliert wären. Margwelaschwili: “Was sind die Mythen anderes als eine große Suppe an Themen?” Meine depressiven Gefühle vor einer halben Stunde könnten mir vermutlich ohne das mythisch (also in Büchern) vorformulierte Thema des Ödipus und seiner Geschichte gar nicht zu Bewusstsein kommen. In einer Welt, die Ödipus (oder eine vergleichbare mythische Gestalt) nicht kennt, gäbe es diese Gefühle wahrscheinlich gar nicht. Er sagt, er taste sich langsam an den letzten Band des “Kapitän Wakusch” heran. Es tue den schriftstellerischen Projekten gut, wenn man ihnen Zeit gebe. Ich denke an das Mutterbuch und sage: manchmal muss man aber auch schnell zugreifen. Es folgt ein sekundenbruchteilplötzliches, sehr intensives und sympathetisches Verstehen, das mir fast ganz aus meinem depressiven Gegrübel heraushilft. Über mich und meine Tätigkeit sagt er, ich hätte hier ja eine Art Außenseiterposition. Keine Ahnung, wie er darauf kommt, aber ich frage auch nicht, sondern kontere mit dem alten Klassiker Ulrich Simons: “I like to be an outsider.”
4. Das Gespräch vom 26.2. 2014
Bei Giwi. Die Musik als die Wunderwaffe der Amerikaner, obwohl sie nur “Flitterwerk” sei. Er sei mal in Amerika gewesen, so toll sei das da auch nicht. In seinem Hotal am Broadway seien die Portiere mit Pistolen bewaffnet gewesen. Er zitiert Marx: in der bürgerlichen Revolution gehe die “Phrase über den Inhalt hinaus”, er sei interessiert an Veränderungen, in denen das Verhältnis umgekehrt sei (wie es Marx von der proletarischen Revolution behauptete). Über sein Leben in Tbilissi, in diesem Hinterhof so weit von Berlin entfernt: er “lebe hier mit seinen Buchpersonen”, versuche, “sie kennenzulernen, auf sie zu hören, sie zu behorchen.” Das ist, wie seine Sprechweise manchmal, ein kindlicher Zug: imaginäre Spielgefährten, wie sie sich einsame Kinder erfinden. Oder wie James Stewart in “My friend Harvey”. Dessen seltsame Souveränität in seiner Phantasiewelt erinnert an ihn.
5. Das Gespräch vom 13.11. 2014
Bei Giwi M. Gespräch über Potentiale der Befreiung, die nicht “logisch” seien (wie der Marxismus/Leninismus), sondern “ontologisch” oder “aus sich heraus” (er begleitet die Formulierung mit einer zart vom Brustkasten wegstrebenden Bewegung der geöffneten Hände). Ein solches Potential sei “das Laster”, worunter er Jazz, Musik überhaupt, Erotik, Rhythmus, aber auch Schwulsein subsumiert. Und er kommt auf einen schwulen Freund zu sprechen, der ihm als jungem Mann sehr imponiert habe.
6. Die Gespräche vom 15. und 17.12. 2014
Bei Giwi. Gespräch über die politische Lage. Er spricht sich aus gegen die “geschüttelten Fäuste” der antirussischen Demonstrationen und Stimmungen, plädiert für einen “langen Atem” Moskau gegenüber. Und moduliert die politische Analyse ansatzlos in die philosophische Tonart hinüber: der Individualismus des Westens, der sich in Georgien jetzt ausbreite, sei “ontologisch stärker” als die – früher marxistische heute imperiale – Ideologie Russlands, denn die westlich-individualistische Ontologie beziehe sich auf das “Sein”, das zum Tode vorlaufe, zur ultimativen Vereinzelungs- und Individuationserfahrung. Dem könne russische Ideologie nichts entgegensetzen, denn sie erschöpfe sich im “Seienden” des Kollektivs (oder so ähnlich). Ontologie ist stärker als Logik. Die Unmittelbarkeit, mit der er von politischen Meinungen auf fundamentalontologische Spekulation übergeht, ist erstaunlich. Arendt sagte über Heideggers Vorlesungen, in ihnen sei das Denken von Platon und Parmenides im Marburg der zwanziger Jahre plötzlich wieder lebendig geworden. Und in der kleinen Zweizimmerwohnung im Hof hinter dem “Tartine” (wo ich gerade sitze und über einem Glas Mtsvane den Besuch protokolliere/bedenke) ist vor einer halben Stunde das Denken der Berliner Zwanzigerjahre (und der dazugehörige Tonfall) lebendig gewesen. In Russland sei der ontologische Impuls “logisch verschleiert” durch den imperialen Logos. Leute wie Putin seien nicht dumm. Sie wüssten um ihre ontologisch schwache Position (eine Wendung Margwelaschwilis, mit welcher er – auf geniale Weise! – die Vorzüge des Westens – Individualismus, Jazz, fun, Erotik, Befreiung – direkt auf den allgemein als Antiwestler verstandenen Heidegger zurückführt). Der russische Imperialismus versuche durch Militarisierung des Logos zur Ideologie die westliche Ontologie logisch zu übertrumpfen, was ein unmögliches Unterfangen sei (Putin, wie gesagt: wisse das oder ahne es zumindest; der Instinkt des Geheimdienstmanns). Das Gespräch verlagert sich dann auf den Klassenbegriff bei Marx. Die Klasse, als Kollektiv, verfehle die ontologische Rückbindung an das Sein, denn ihr sei die individualisierende Erfahrung des Seins zum Tode nicht möglich: die Klasse kann nicht sterben (die Nation übrigens auch nicht, fällt mir jetzt ein). Nur das Individuum hat Zugang zum Sein. Über Jazz, Mode, Erotik (was alles mich für das Mutterbuch gerade so intensiv beschäftigt). Das sei an sich gar nichts Substantielles, sagt er, nur eine Bewegung, ein Rhythmus, eine Farbe, eine melodische Wendung. Ein Hüftschwung. Aber es habe eine solche Power, dass die Menschen, indem sie es spürten, “ganz da seien”: “in ihrem Sein angesprochen”, und dadurch wachse ihnen eine Einigkeit und Wucht zu, die unmittelbar politisch werden könne. Erotik, Mode, Jazz, Rhythmus seien die “ewige Opposition”. All diese Gedanken, die um die noch unzerstörte Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin zu Hause waren, in dieser winzigen postsowjetischen Küche, wo wir einen halbtrockenen Rosé trinken und georgische Vorspeisen knabbern: ein unglaublich starker Spätnachmittag. Er will am übermorgen zur Vernissage in Guram Tsibakaschwilis Fotogalerie “Container” um die Ecke kommen, wo ich eine Ausstellung von Modezeichnungen meiner Mutter arrangiert habe. Ich solle ihn allerdings mit dem Auto abholen und zurückbringen, denn er könne so gut wie gar nicht mehr gehen.
18.12. 2014
Heute ist der Geburtstag meiner Mutter. Die Ausstellung gestern war ein guter Erfolg und ein großer Auftrieb aller Freunde und Bekannten. Ich hole Margwelaschwili mit dem Auto ab und fahre ihn dann auch wieder heim. Danach noch mit N. (die selig ist und unaufhörlich alles auf facebook postet), Matthias und Sopo im “Tartine”, zuhause geduscht und lang noch im Wohnzimmer auf. Ich rede mit Giwi über die ehemalige und einmalige Kreativitätsinsel des Philosophischen Instituts der Georgischen Akademie der Wissenschaften unter Nikolo Chavchavadse. Es gab für Margwelaschwili und die anderen wissenschaftlichen Angestellten dort mitten im Sowjetreich keine Denk-, Lese- oder Schreibverbote und sie hatten keine anderen Dienstverpflichtungen, als einmal im Jahr eine wissenschaftliche Arbeit abzuliefern. Etwas Ähnliches gab und gibt es eigentlich auch sonst nirgends auf der Welt, soweit ich sehen kann. Nochmal, zusammenfassend, über Ontologik und Logik. Ontologie frage nach dem “Wie”, Logik nach dem “Was”; die ontologische Frage sei “stärker”. Das Sein sei nicht unmittelbar zugänglich, nur individuell, als “Sein zum Tode”. Es offenbare sich aber auch in Anzeichen, Störungen, Rhythmen. Im “Nichtidentischen”, über das Adorno schreibt? frage ich. Er bejaht – aber er könne Adorno nicht verzeihen, wie er über Heidegger geschrieben habe.