11.9. 2012
Wunderschönes Wochenende. Ich ging am Samstag sehr weit im Gelände des Freilichtmuseums unterhalb des Schildkrötensees bis hinauf zu dem swanetischen Wehrturm. Milde Septembersonne schien, vollkommene Stille, ich bin der Einzige auf dem weiten Hügelarreal. Das fast mythische Bild des Turms auf der Bergspitze. Überall knallrote Hagebutten, das gelbe Laub, der leichte Geruch von Holzfeuer, die Windstille, das helle Licht. Am Sonntag Besichtigung eines wunderschönen Grundstücks in Tsinamtsviandkari (hinter Saguramo, wo N. und ich neulich das Haus Chavchavadzes besichtigt hatten). Hohe Mauer, Obstbäume, hohes Gras, hinter einer Mauer gelegen, absolut zauberhaft. Die Flusslandschaft, in der das Dorf liegt, Rinderherden, der Blick in die Ebene hinaus, der Bergbach, der über Geröll und um große Findlinge fließt. Perspektiven und Bilder wie auf einem Gemälde Poussins. Sollte ich das zusammen mit Matthias kaufen?
12.9.
Die letzten Vorbereitungen vor dem ersten Symposium des Regionalprojekts im Vortragssaal des Nationalmuseums, die Ruhe vor dem Sturm. Herrliches Herbstwetter.
16.9.
Vor der Symposiumswoche, die alle Kräfte fordern wird, ein klaustrophobischer Alptraum: ich schließe mich versehentlich in einen unterirdischen stählernen Raum ein, der im Keller einer architektonischen Mischung aus Stanley Kubriks Overlook-Hotel und dem Goethe-Institut liegt. Gottseidank habe ich mein Handy dabei und kann unseren Fahrer anrufen, der mich befreit.
Am Freitag eröffnen wir die Ausstellung der Graphik Karlo Katscharawas im Institut, die von Irina Popiaschwili wunderschön gehängt worden ist, und präsentieren unseren Katalog, einen Faksimile-Nachdruck seines Tagebuchs der Köln- und Berlinreise im Jahr 1991. Etwas, worauf man wirklich stolz sein kann. Am Mittwoch eine Art Erschöpfungs-Zusammenbruch: Fieber und intensives Krankheitsgefühl, ich schlief den Nachmittag und Abend, am nächsten Morgen war ich wieder OK. Irina, Natia, Tamta, N. und ich saßen nach der Eröffnungsparty dann noch zusammen. Schön und erfolgreich. Ich fing mit der David Foster Wallace-Biographie von D.T. Max an, die ich für die taz rezensiere. Bestimmt der größte englischsprachige Prosakünstler der Gegenwart nach Updikes Tod. Aber ich kann seine beiden Hauptwerke nicht als Kunstwerke lesen (wie mir das zumindest bei Joyces “Ulysses” noch gelang), sondern nur noch als neurotisches Symptom. Die Avantgarde hat die rote Linie zur Krankheit überschritten. Gestern die mittlere Runde: stille Wald- und Steppenwege auf den Hügeln im Septemberglast.
23.9.
Sieben supervolle und supererfolgreiche Tage liegen hinter mir, seltsam in ihrer Wirkung auf mein Inneres und so voller Erlebnisse wie sonst drei Wochen nicht. Es war schwierig und anspruchsvoll und erschöpfend, aber Natia, Tamta und überhaupt das ganze Institut arbeiteten so effektiv und charmant und aufmerksam und irgendwie geistreich mit mir zusammen, dass wir etwas bildeten wie eine Rockband auf dem Höhepunkt ihres Könnens und ihres Glücks. Es war unser “Live at Leeds”-Moment. Sogar das Wetter war durchgehend perfekt. Ich sitze beim Frühstück auf der Außenterrasse des “Landmark” in Baku, wohin ich mit Klaus-Dieter Lehmann und seiner Frau geflogen bin. Hoch über dem morgendlichen, von mildem Wind belebten Kaspischen Meer, den romantisch-stalinistischen Palast tief unter mir, das Stadtpanorama rechterhand. Schiffe in der Entfernung auf dem Meer “voll goldner Federn, goldner Funken”. Eine britische Reisegruppe lärmt an einem entfernten Tisch. Die beiden werden bald auftauchen, ich las Voegelin über die kosmologischen Reichsideologien früher mesopotamischer Kulturen und schreibe jetzt noch. Der Tag ruft schon, aber ich hatte seine meditative Stille ganz für mich.
Heydər Əliyevs Visage auf den Plakaten hier überall: das richtige Wort ist “verschwiemelt”.
Gestern mit Lehmanns in jenem Karawanserei-Restaurant, das mir zum zweiten Mal nicht so gut gefiel, zu laut.
Ich rekapituliere die Woche so, wie sie mir jetzt einfällt:
Am Dienstag schaffte ich meine Stehlampen ins Institut, wo sie vor dem Kamin inmitten der Katscharawa-Ausstellung, neben einem Sofa zwischen zwei Sesseln auf einem Teppich stehend, eine nicht-bürokratische Sitzgruppen-Atmosphäre für die kommenden Gesprächsformate und gesellschaftlichen Anlässe herstellen sollen und absolut toll aussehen. Ich gehe dann noch Mittagessen im “Tartine” (tue mir vor dem Einsetzen der mich immer sehr anstrengenden sozialen Kontakte mit Offiziellen noch etwas Gutes) und hole dann das Präsidentenehepaar Lehmann vom Flughafen ab, bringe sie ins Hotel. Dann Abholung Hannes Hintermeiers, der für die FAZ übers Symposium berichtet, sowie des sich als ein sehr origineller und intelligenter bayrischer Herr herausstellenden Burkhard Müller, der dasselbe für die “Süddeutsche” tun soll, außerdem des Design Directors von “Chipperfield Architects” Alexander Schwarz. Die drei stehen wie eine seltsame – vielleicht von H.C. Artmann beschriebene oder von Wes Anderson gefilmte – Reisegruppe aus dem frühen zwanzigsten Jahrhundert ironisch-erwartungsvoll Ausschau haltend im Ankunftsbereich des Flughafens (ihr Flug war vorzeitig eingetroffen). Hintermeier nehme ich mit zu mir nach Haus, wir sitzen auf der Terrasse und er beobachtet die langsamen Rotationen des Riesenrads auf dem Mtatsminda-Berggrat: und sie bewegt sich doch!
Dann der Empfang der Gäste in der Ausstellung. Die Sitzgruppe. Ich habe es geschafft, dem Institut den Anstrich eines Salons zu geben (was dem ursprünglich diplomatischen Charakter des Gebäudes entspricht). Die Kolleginnen merken den Unterschied der Wirkung und es macht uns alle zusammen irgendwie stolz. Alexander (“call me Sascha”) Schwarz geht sehr auf mich zu (er war mit seinen langen Haaren, seinem Velasquez-Bart und seinen hipsterhaften Anzügen sehr stark für den Wes-Anderson-Eindruck vom Flughafen verantwortlich), später verschwindet er und ward nicht mehr gesehen (wie sich später rausstellte, zu einem Tango-Event). Spät ruft noch N. an und erzählt, es seien Foltervideos aus einem Gefängnis aufgetaucht, die Saakaschwili anzulasten sind. Sie weint und ist völlig empört und von der Rolle.
Am Mittwoch ging es los. Ich verlas den Eingangsvortrag Christian Demands, der krankheitshalber abgesagt hatte. Mittagessen. Lehmann spricht mit dem Generaldirektor der Berliner Museen Michael Eissenhauer, der zusagt, die Museen für das gemeinsame Projekt langfristig zu engagieren. Man merkt, wieviel das Wort des ehemaligen Präsidenten der Stiftung noch wiegt und ich bin froh und beruhigt, einen zugleich so netten, mir gewogenen und einflussreichen Verbündeten an meiner Seite zu haben. In Tbilissi, mit Surplus-Stipendien der Region, wird ein von uns, dem Georgischen Nationalmuseum und den Berliner Museen organisiertes “Kompetenz-Zentrum” für Museumsleute aus den ehemaligen Sowjetrepubliken stattfinden, unser Hauptbeschäftigungsgebiet für die nächsten Jahre und für mich irgendwie das Nachfolgeprojekt für “Ludlow 38” in New York. Abends eröffnen Lordkipanidse und Eissenhauer die Ausstellung über die Berliner Museen im Nationalmuseum, danach lade ich alle ins “Puris Sachli” ein. Wunderschönes Essen, ich sitze mit Hintermeier und Sascha am Tisch. Dann mit ihm (Hintermeier: “ein Titan!”) zu einem Tango-event im “Gallery Café”, wo er elegant verschiedene Damen beflirtet und betanzt, hemmungslos von uns beiden Nichttänzern und Schüchternen bewundert. Geraucht.
Draußen (wie schon den ganzen Nachmittag; ich verließ das Symposium kurzzeitig, um die den Rustaveli hinunter zum Tavisuplevi strömenden Massen zu bewundern; “Es war das Volk”, der Satz aus der “Éducation Sentimentale” kommt mir unwillkürlich in den Sinn) den ganzen Abend über und bis spät in die Nacht: Demonstrationen gegen Saakaschwili. Ich fotografiere auf dem Heimweg einen revolutionär gestimmten, aber etwas ratlosen Auflauf vor der Philharmonie.
Am Donnerstag stark verkatert (Sascha: “wetterfühlig”), auch unbestimmt falsch angezogen. Die Nebel in meinem Kopf lichten sich den Symposiumstag über nur langsam. Abends beim gemeinsamen Essen (mir gegenüber die Frau des Architekten Jean François Milou) interessantes Gespräch mit Philippe de Montebello (steinern-finster-trocken; illuminiert melancholisch; sicherer, vielleicht aber auch übertrieben selbstsicherer intellektueller Zugriff) über Wilhelm von Bode und das von ihm konzipierte Museum: Bodes viel bewunderte Idee, in der Zentralhalle Gemälde und Skulpturen der Renaissance miteinander zu kombinieren, sei von falschen kunsthistorischen Voraussetzungen ausgegangen. In der Renaissance nämlich seien die neu entstandenen Gemälde vielmehr mit antiken Statuen kombiniert worden (so habe er selber es in Ausstellungen auch gehalten). Lustig mit Müller, Sascha und Hannes. Wir fahren “die ganze Rasselbande” (Frau Lehmann) zuvor noch hinaus zur Besichtigung der Kathedrale von Mzcheta.
Am Freitag redete ich mit Lordkipanidze über den weiteren Fortgang der Zusammenarbeit mit den Berliner Museen; wir verabreden einen kurzen Draht und enge Abstimmung. Nawroth leitet dann die Schlussdiskussion des Symposiums recht gut. Alle werden ins Freilichtmuseum kutschiert. Sonne, Herbst, die schönen Holzhäuser, Sascha. Dann zum Schloss in Mukhrani, wo sich ein absolut zauberhafter Abschlussabend ergibt. Wir sitzen an langen Tischen im Freien vor dem weißen historistischen Schloss, wunderbares Essen, schöner Wein, ich sitze mit Lehmanns und rauche eine Zigarre, der Herbstmond steht am Himmel. Der Mann der Sprachabteilungsleiterin, meist sehr kritisch, sagt mir, diese ganze Veranstaltung habe “wirklich Format gehabt”, was ich gerade von ihm als Riesenkompliment betrachte. Zuhause komme ich lang nicht runter, noch bisschen Wein, was ich mir hätte sparen können. Am Samstag ein guter, erholsamer Vormittag, einsamer Lese-Lunch im “Tartine”, wo ich den Leiter der GIZ treffe. Goldener Herbst. Flug nach Baku. Abends (s.o) mit Lehmanns und Sabina Shikhlinskaya im Karawanserai-Restaurant. Nach dem schon beschriebenen Frühstück fahre ich mit Lehmanns hinaus zum zoroastrischen Ateshgah-Feuertempel/Kloster/Karawanserai/Festung (was es eigentlich wirklich war, scheint man nicht ganz genau zu wissen); jedenfalls eine wichtige Station der Seidenstraße, vermutlich alles zusammen: indische, persische, arabische Inschriften sind zu sehen, Klosterzellen (?), ein großes leeres Innenarreal. Dann zu dem “brennenden Berg”, einer natürlichen Austrittsstelle von Erdgas, die sich im 13. Jahrhundert irgendwie entzündet hat und seither ununterbrochen brennt: Yanar Dağ. Marco Polo hat sie beschrieben, Stalin könnte sie gesehen haben. Mit den beiden dann: nochmal der Shirwanshah-Palast, bewunderungswürdig wieder die Proportionen und die Details der Steinmetzkunst. Beim Abendessen mit Lehmanns über seine kulturpolitische Intention “alles zu bewahren, damit ausgewählt werden kann” – museologisch, aber auch das Institut betreffend. Am Montag gemeinsame Gespräche mit dem Botschafter und dem dicken, superklugen Kulturmann der Botschaft. Wir werden hier zusammen was Vernünftiges hinkriegen. Heimflug, herzlicher Abschied, jetzt – zu einem Bier – schreibe ich dies Tagebuch. Triumphgefühle. We made it.
30.9.
Zweifelhafter Traumbesuch meiner Eltern. Mein Vater – napoleonisch dick und fleischig-muskulös – regt sich auf, dass ich (im Restaurant!) nicht geholfen hätte, das Essen zu servieren und aus der Küche zu holen und setzt sich wutentbrannt an einen anderen Tisch, so dass ich von Schuld und Schande bedeckt, allein an meinem sitzenbleibe. Meine Mutter hat eine freundliche Gesellschaft hierher in meine Wohnung gebeten. Als ich nach deren Beendigung spätnachts in der Küche schufte, um die Folgen zu beseitigen, kommt sie noch rein, bevor sie ins Bett geht und verabschiedet sich – eine winzige Ecke der total versauten Küche hat sie mit einer Wachstuchdecke verhüllt: da habe sie schon aufgeräumt und saubergemacht. Dann sitze ich irgendwie am Tisch und bekomme ein Butterbrot mit Honig. Prekäres Trostgefühl.
2.10.
Die Nachmittage, die ich auf den Höhen über Tbilissi verbringe – Felsen, Gras, Kiefern, Heuschrecken, Eidechsen, Kühen, Habichte – liegen exterritorial außerhalb der Zeit und der Pflichten. Ich hatte den Nachmittag des Wahltags freigenommen, saß weit über der Stadt irgendwo im strohfarben trockenen Gras und eine ganze Herde von Rindern, sehr dunkelbraun, zog majestätisch und urweltlich an mir vorüber. “Gaumarjos” sagte der Hirte. N. rief während meines Aufstiegs an: Saakaschwili habe seine Wahlniederlage eingeräumt. Beim Hinabsteigen das Gefühl, damit sei das Land selbstbewusster, antiwestlicher, russischer und nationalistischer geworden (als könnte ich das spüren). Unten dann plötzlich überall im Straßenbild die blauen Fahnen mit der 41: die Nummer der Liste des “Georgischen Traums”. Wo waren die alle noch vorgestern? Der Taxifahrer will einen Lari mehr. Für West- und Englischmenschen könnte es härter werden hier. Spätabends sitze ich auf den Stufen der “Blauen Galerie” und lasse die auf dem Rustaveli auf- und niederfahrende Siegesparade auf mich wirken: hupende und triumphschreiende junge Männer in vollgestopften Autos (Gefühl, am liebsten würden sie mit Maschinenpistolen in die Luft ballern), eine Mischung aus türkischer Hochzeit und Einzug der Taliban in eine eroberte Stadt. N., im Siegestaumel mit den Genossinnen, löst sich irgendwann aus dem Pulk, weil sie mich auf den Stufen sitzen gesehen hat und umarmt mich, bevor sie wieder im Trubel verschwindet.